?Wir müssen sicherstellen, dass Menschenrechte und universelle Werte digitale Technologien bestimmen“

Die Vereinten Nationen (UN) haben Experten aus aller Welt eingeladen, Wege zu einer verbesserten und effektiven digitalen Zusammenarbeit zu finden. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die internationale Gemeinschaft auf die sozialen, ethischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen digitaler Technologien reagieren kann. Nanjira Sambuli aus Kenia geh?rt zur Expertengruppe der UN, die ihre Empfehlungen in dem Bericht ?The Age of Digital Interdependence“ zusammenstellte.

Klaus Vo?meyer | Februar 2020
Portr?t Nanjira Sambuli

Nanjira Sambuli

ist als Forscherin und?Politikanalystin daran interessiert, die Auswirkungen digitaler Technologien auf Governance, Innovation, Unternehmertum und Gesellschaft zu verstehen. Dabei legt sie einen?Schwerpunkt?auf die?Gleichberechtigung. Sambuli war Senior Policy Manager der World Wide Web Foundation und arbeitete am iHub in Nairobi.

Neue M?glichkeiten, die sich durch den Einsatz digitaler?Technologien ergeben, werden von starken Missbr?uchen und unbeabsichtigten Folgen begleitet. Sind Sie eher Optimistin oder Pessimistin mit Blick auf das digitale Zeitalter??

Ich bin eine vorsichtige?Optimistin. Einerseits pl?diere ich für einen generellen, bezahlbaren und umfassenden Zugang?als wesentlichen Treiber für Gleichberechtigung im digitalen Zeitalter. Doch wie wir alle wissen, ist das Internet und insbesondere das Web nicht den utopischen Tr?umen gerecht geworden, die seine Entwicklung vorantrieben. Auch wenn ich selbst in diesem Bereich arbeite, stehe ich der Technik als Allheilmittel kritisch gegenüber. Wir k?nnen nicht zulassen, dass digitale Technologien die bestehende Ungleichheit verst?rken oder neue schaffen. Es bleibt eine schwierige?aber notwendige Aufgabe, sicherzustellen, dass Menschenrechte und universelle Werte die Gestaltung, den Einsatz und die Verwaltung dieser Technologien bestimmen. Das Bewusstsein für Vorteile?und m?gliche?negative?Folgen ist für mich entscheidend, um die mit digitalen Technologien verbundenen?Hoffnungen zu behalten.

UN-Generalsekret?r António Guterres interessiert besonders, wie eine verst?rkte digitale Zusammenarbeit zu den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN beitragen kann. K?nnen Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie?digitale Technologien zur L?sung globaler Herausforderungen beitragen?

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass digitale Technologien dazu beitragen, die meisten wenn nicht sogar alle globalen Herausforderungen zu bew?ltigen. Es ist zum Beispiel wunderbar zu sehen, wie viele Frauen und Minderheiten auf der ganzen Welt online aktiv sind. Sie nutzen?die bekannten Plattformen, auf denen wir zusammenkommen, um sich zu ?u?ern, sich neu in die Geschichte einzubringen,?als Akteure mit Ideen, Hoffnungen und Tr?umen. Gleichzeitig stehen gerade die Gruppen, die sich auf diese Weise engagieren, vor gro?en Risiken. Ganz zu schweigen davon, dass ein solches Handeln davon abh?ngt, ob man sich die notwendigen Technologien leisten kann und Zugang zu ihnen hat. Wir k?nnten durch jedes nachhaltige Entwicklungsziel der Vereinten Nationen gehen und gute Beispiele für Fortschritte finden, aber es ist h?chste Zeit, dass wir bei aller Freude zugleich die damit verbundenen Risiken und Kompromisse?bedenken. Nur dann - und lieber früher als sp?ter - k?nnen wir die neu entstandenen Herausforderungen angehen, insbesondere wenn bereits reale Sch?den entstanden sind.

? Wir wollen marginalisierte Gruppen in den Mittelpunkt stellen

Wie im analogen Leben, dominieren Geld und Macht oft auch in der digitalen Welt. Wie kann die internationale Gemeinschaft darauf reagieren und eine gemeinsame Grundlage für die digitale Zusammenarbeit schaffen? Wie?k?nnen?Menschenrechte und universelle Werte wie Vertrauen und Respekt in der digitalen Welt gest?rkt werden??

Die Arbeit unseres Panels bestand darin, unsere gegenseitigen Verbindungen und Abh?ngigkeiten im digitalen Zeitalter aufzuzeigen.?Wir sollten die Akteure in lokalen, regionalen und internationalen oder globalen Konstellationen auffordern, M?glichkeiten der Zusammenarbeit zu sondieren und eine gemeinsame Grundlagen für die digitale Zusammenarbeit zu schaffen. So haben wir beispielsweise gesagt, dass die Menschenrechte sowohl online als auch offline gelten, was auch der UN-Menschenrechtsrat erkl?rt hat. Eine unserer Empfehlungen an den UN-Generalsekret?r ist, das ?Wie“?auszuarbeiten und?dafür Stimmen aus allen Sektoren zu berücksichtigen, um ein Kompendium von Beispielen, Leitf?den und Empfehlungen zusammenzustellen, das sich wiederum an Regierungen, den Privatsektor, die Zivilgesellschaft und andere Interessengruppen richtet.

Eine Ihrer Empfehlungen ist, bis 2030 allen Bürgerinnen und Bürgern einen bezahlbaren Zugang zu digitalen Netzwerken zu erm?glichen und dabei niemanden zu vergessen. Was bedeutet das mit Blick auf die Randgruppen, mit denen Sie arbeiten??

Das Versprechen ?niemanden zu vergessen“ bedeutet, Randgruppen in den Mittelpunkt zu stellen. So fordern diese Gruppen in Afrika, Asien, Lateinamerika und sogar in den Vereinigten Staaten bereits ihre Rechte ein und entwickeln zum Teil eigene Netze, um Internetzugang zu bekommen. Sie haben es satt, auf Ma?nahmen der Regierung und der Privatwirtschaft zu warten, und zeigen, dass sie sich das, was sie brauchen, aufbauen k?nnen.?

Unsere Aufgabe ist es, dass diese Randgruppen die erforderliche Unterstützung erhalten. Dazu kann?beispielsweise geh?ren, juristischen Schranken zu beseitigen, die die Kosten für den Betrieb ihrer Netze erh?hen. Beim aktuellen Tempo, in dem benachteiligte Gruppen?Zugang zum?World Wide Web erhalten, k?nnten wir unser Ziel für 2030 verfehlen. Aber mit?den genannten Anstrengungen für Randgruppen k?nnen wir mehr Fahrt aufnehmen. Wir müssen damit aufh?ren, Entwicklungen Top-Down mit interventionistischen Ans?tzen zu denken, und stattdessen mit den Gruppen gemeinsam L?sungen erarbeiten, die auf ihre Bedürfnisse angepasst sind und diese nachhaltig l?sen.

Die Experten des? trafen UN-Generalsekret?r António Guterres in New York und stellten ihm?ihre Empfehlungen zur digitalen Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft vor

Die Experten trafen UN-Generalsekret?r António Guterres in New York und stellten ihm ihre Empfehlungen zur digitalen Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft vor. Nanjira Sambuli ist die Zweite von links.

Warum sind die UN die richtige Organisation, diese Themen anzugehen und die Initiative zu ergreifen?

Die vier Grundpfeiler der UN – Frieden und Sicherheit, Menschenrechte und Entwicklung – bilden auch für die Herausforderungen im digitalen Zeitalter eine gute Grundlage, im Sinne der Menschheit zu handeln. Ich glaube fest daran, dass die UN einen gro?en Beitrag zur Umsetzung der Empfehlungen leisten k?nnen. Sie haben eine globale Reichweite?und k?nnen zwischen ihren Mitgliedsstaaten Diskussionen ansto?en, die schon in anderen Sektoren stattfinden. Regierungen spielen eine zentrale Rolle in Zeiten?gegenseitiger digitaler Abh?ngigkeiten. Oft scheint es so, als l?gen digitale Technologien in erster Linie in der Verantwortung?privater, innovativer Akteure. Viele Unternehmen, die hinter den Technologien stehen, die unseren Alltag pr?gen, sind mittlerweile st?rker und reicher als einige Staaten.?Doch sie wurden nicht von den Bürgerinnen und Bürgern gew?hlt. Deswegen müssen Regierungen – und zwischenstaatliche Organisationen, die im Auftrag ihrer Mitgliedsl?nder handeln – die Entwicklung mitgestalten, und dürfen nicht erst aktiv werden, wenn Probleme auftreten. Es gibt proaktive, beratende und repr?sentative Wege, digitale Entwicklungen so zu gestalten, dass wir alle davon profitieren?und (un)beabsichtigte negative Auswirkungen vermieden werden.?

Die Bedeutung digitaler Kooperation steigt rasant für Regierungen. Als ?Muttergremium der Global Governance“ kann die UN eine Schlüsselrolle einnehmen, Akteure zusammenbringen und auch die Perspektiven anderer Sektoren aufnehmen. Ich hoffe, dass das passieren wird, insbesondere da der 75. Geburtstag der Vereinten Nationen ansteht und Beratungen über die Zukunft des Multilateralismus einhergehen mit der Rolle von Technologie in unserer Welt voller Umbrüche.

? Digitale Technologien dürfen die bestehende Ungleichheit nicht verst?rken oder neue schaffen

Was?waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse bei den Diskussionen der Expertengruppe?

Es war sehr bereichernd, gemeinsam mit anderen renommierten Experten an dem Panel teilzunehmen. Die Zusammensetzung des Panels selbst spiegelt?das Ziel wieder, im digitalen Zeitalter neue Kooperationsformen aufzubauen, indem Expertise aus verschiedenen Bereichen über Sektoren, Landesgrenzen und Altersgruppen hinweg einbezogen wurde. ?Eine zentrale Erkenntnis ist, dass der Bedarf in der Tat gesehen wird, interdisziplin?re Herangehensweisen zu f?rdern, wie digitale Technologien, die sich auf alle Aspekte unseres politischen, soziokulturellen, rechtlichen, wirtschaftlichen und bürgerlichen Lebens auswirken, gestaltet, eingesetzt und reguliert werden sollen.?Denn was in einer Nische startet, zum Beispiel eine rein technische Entwicklung, kann sich auf andere Lebensbereiche auswirken. Angesichts der schnellen Folge technischer Neuerungen mag es etwas umst?ndlich wirken, sich die Zeit zu nehmen, zu beraten und beabsichtigte Vorteile mit m?glichen negativen Auswirkungen abzuw?gen. Dafür haben wir in unseren Diskussionen und Beratungen die Sichtweisen verschiedener Sektoren und Perspektiven mit einbezogen.?

K?nnen Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Nehmen wir mal die finanzielle Teilhabe in der digitalen Welt. Müssen wir da auch Kompromisse eingehen? Wie k?nnen wir die gewünschten Auswirkungen mit Werten wie Autonomie vereinbaren, wenn Faktoren wie Kreditwürdigkeit auf Grundlage von Daten festgelegt sind, die aus dem Einsatz digitaler?Finanzsysteme?resultieren? Diejenigen, die zum Beispiel Bargeld nutzen, k?nnten unbeabsichtigt falsch eingesch?tzt werden, weil sie nicht in das System passen, anhand dessen analysiert, vorhergesagt und sogar bestimmt wird, wer Zugang zu digitalen Finanzleistungen erh?lt. Vor uns liegt die Aufgabe, das ?Wie“ zu beurteilen und umzusetzen. Das Panel hat in Kapitel 4 des Abschlussberichts einige Modelle zur Verbesserung digitaler Kooperation vorgeschlagen, um zu zeigen, wie solche Aspekte gegeneinander abgewogen werden k?nnen.?

Generalsekret?r António Guterres hat eine weltweite Diskussion über den Abschlussbericht und seine Ergebnisse begonnen. Wie werden Sie eingebunden sein?

Ich habe bereits eine Menge Zeit in m?glichst vielen Foren verbracht, um m?glichst vielen Menschen den Bericht und die darin enthaltenen Empfehlungen vorzustellen. Es war gro?artig, in Berlin mit der Robert Bosch Stiftung und snv über die Strukturen der digitalen Zusammenarbeit zu diskutieren, die wir vorschlagen. Die Ergebnisse wurden dem Büro des Generalsekret?rs zur Prüfung vorgelegt. Ich setze mich weiter dafür ein, dass wir die geforderten Formen der Zusammenarbeit finden und engagiere mich für die Ergebnisse der Expertengruppe. In diesem Jahr? werde ich zudem untersuchen, wie die globalen Governance-Mechanismen angepasst werden k?nnen, um den mit den digitalen Entwicklungen auftretenden Herausforderungen und Chancen zu begegnen, und dabei auf die verschiedenen Ans?tze zurückgreifen, die ich in meiner Arbeit anwende. Wir sind als Panel immer noch in Kontakt und halten uns gegenseitig über unsere Beobachtungen in den verschiedenen Teilen der Welt auf dem Laufenden, über den Bericht und die n?chsten Schritte.

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