Eine Chance für die Wissenschaft

In Zeiten der Corona-Pandemie sind alle Augen auf die Wissenschaft gerichtet. Keine politische Entscheidung f?llt ohne die Einsch?tzung der Fachexperten. Warum die Krise eine Chance für die Wissenschaft ist, ob sie unseren Umgang mit anderen globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel ver?ndern wird und warum die Gefahr einer Zwei-Klassen-Wissensgesellschaft besteht, erl?utert der Kommunikationswissenschaftler Mike S. Sch?fer.

Cornelia Varwig | April 2020
Mike S. Sch?fer steht vor einer Wand mit Infografiken
Valérie Chételat

Die Expertise von Wissenschaftlern, speziell von Virologen und Epidemiologen, ist w?hrend der Corona-Pandemie gefragt wie nie. Denken Sie, dass die Corona-Krise der Wissenschaft generell zu mehr Bedeutung und Anerkennung in der Gesellschaft verhelfen wird – auch langfristig?

Sch?fer: Die Corona-Krise zeigt sehr eindrücklich, dass es in bestimmten Situationen der Expertise aus der Wissenschaft bedarf. Und es gibt derzeit eine Reihe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an die ?ffentlichkeit gehen und das sehr gut machen. Sie weisen immer wieder darauf hin, dass sie eine spezifische Expertise haben, die – wie in allen wissenschaftlichen F?chern – mit bestimmten Bedingungen und Unsicherheiten daherkommt. Gleichzeitig machen die Wissenschaftler deutlich, dass ihre Expertise die Politik nicht aus der Notwendigkeit entl?sst, selbst Entscheidungen zu treffen. Es bleibt zu hoffen, dass die Erinnerung an diese sehr prek?re und akute Lage einen positiven Einfluss darauf hat, wie Wissenschaft wahrgenommen wird.

Was k?nnen Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren selbst tun, um das gewonnene Vertrauen aufrechtzuerhalten?

Um Vertrauen zu erhalten, ist es wichtig, sich immer wieder darauf zu besinnen, was die Kernexpertise der Wissenschaft ist – das Produzieren von m?glichst neutralem, nachvollziehbarem und belastbarem Wissen nach bestimmten Regeln, die sich die Wissenschaft selbst auferlegt hat. Auch wenn Wissenschaftler sich ?ffentlich zu Wort melden, müssen sie die Grenzen des eigenen Wissens deutlich machen, und sagen, wenn beispielsweise etwas schwer zu prognostizieren ist. Das ist nicht immer einfach. Wissenschaftskommunikatoren arbeiten in der Regel an Forschungsinstituten und Hochschulen, die ein Interesse daran haben, selbst als Organisationen in der ?ffentlichkeit gut dazustehen. Für das Vertrauen ins System Wissenschaft w?re es hilfreich, wenn man dort das Interesse an Wahrheitsfindung und evidenzbasiertem Wissen über die Partikularinteressen der einzelnen Einrichtung stellen würde.

Portr?t Mike S. Sch?fer

Dr. Mike S. Sch?fer ist Professor für Wissenschaftskommunikation sowie Direktor des Center for Higher Education and Science Studies (CHESS) an der Universit?t Zürich. Zudem ist er Pr?sident der AGORA-Kommission des Schweizerischen Nationalfonds zur F?rderung der wissenschaftlichen Forschung. Er forscht und lehrt u. a. zu Medien- und Internet-Kommunikation über den Klimawandel und Künstliche Intelligenz. Zu seinen jüngsten Ver?ffentlichungen geh?ren die Handbücher ?Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation“ (2016) und ?Forschungsfeld Hochschulkommunikation“ (2018).

Selten haben sich wissenschaftliche Einsch?tzungen so direkt und kurzfristig auf politisches Handeln und das Handeln jedes Einzelnen ausgewirkt wie in Zeiten der aktuellen Pandemie. Lassen sich aus der jetzigen Situation Lehren ziehen – etwa für den Umgang mit dem Klimawandel?

Einen positiven Impuls – unabh?ngig von der Wissenschaft – k?nnte das jetzige Experimentieren mit virtuellen L?sungen für Meetings und Unterricht geben. Diese Erfahrungen k?nnen auch sp?ter unsere CO2-Bilanz verbessern und helfen, den Klimawandel ein stückweit einzud?mmen. Abgesehen davon ist es beeindruckend, dass die Politik es w?hrend der Corona-Pandemie geschafft hat, in kurzer Zeit in vielen L?ndern das gesellschaftliche Handeln auf ein Minimallevel zurückzufahren. Aber einfach übertragbar ist das nicht. Zwar ist auch der Klimawandel ein weltgesellschaftliches Problem mit betr?chtlichen Folgen, an denen Menschen sterben. Aber viele haben bereits relativ gefestigte Voreinstellungen dazu und nehmen die Gefahr nicht als so dr?ngend wahr. Daher ist es nicht ganz so einfach, Menschen zum Handeln zu bewegen. Zudem sind dauerhafte Ver?nderungen von Gesellschaften, bei denen etwa Mobilit?t oder Fleischkonsum eingeschr?nkt werden sollen, viel schwerer umzusetzen.

Einerseits findet die Wissenschaft mehr Geh?r, andererseits schie?en Verschw?rungstheorien zur Entstehung und Verbreitung des neuartigen Coronavirus ins Feld. Wer hat in diesem ?Informationswettstreit“ in ihren Augen derzeit die Oberhand?

Es gibt eine ganze Reihe von Verschw?rungstheorien, die vor allem der politischen Instrumentalisierung des Coronavirus dienen und von Rechtspopulisten verbreitet werden. Es ist allerdings schwer zu sagen, wer hier die Oberhand hat, weil die Verschw?rungstheorien auf eine stark segmentierte ?ffentlichkeit treffen. In bestimmten Kreisen haben sie durchaus einen betr?chtlichen Stellenwert und einen Einfluss auf das Handeln. Auf der anderen Seite sieht man aber gegenw?rtig auch, dass sich viele Menschen mit ihrem Informationsbedarf an etablierte Medien wenden, gerade auch an die ?ffentlich-Rechtlichen und die gro?en Zeitungen. Es ist gut, dass sich viele in dieser Situation auf die glaubwürdigen Informationsquellen besinnen.

Eines der wichtigsten Mittel, um die Corona-Pandemie einzud?mmen, ist eine Impfung. In den sozialen Medien ist nun bereits zu lesen, dass die Pandemie Impfgegner wohl zum Schweigen bringen werde. Wie realistisch erscheint Ihnen diese Hoffnung?

Zum Schweigen bringen sicher nicht. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass die aktuelle Situation positive Effekte entfaltet. Bei Impfgegnern und anderen Menschen, deren Ansichten vom wissenschaftlichen Mainstream abweichen, gibt es ja Abstufungen im Ausma? der Gegnerschaft. Für einen Teil wird auch eine erfolgreiche Impfung gegen Covid-19, wenn wir sie denn haben, nichts an ihrer ablehnenden Haltung zu Impfungen ?ndern. Aber Impfgegner, deren Skepsis nicht so stark ausgepr?gt ist, k?nnten angesichts der momentanen Lage erkennen, dass es evidenzbasierte Ma?nahmen gibt, mit denen man Krankheiten erfolgreich bek?mpfen kann. Und vielleicht gibt das Anlass zu überdenken, was das für anderen Impfungen etwa gegen Masern hei?en kann.

? Die Gefahr ist, dass eine Gruppe der Bev?lkerung wissenschaftliche Inhalte überhaupt nicht mehr vorgeschlagen bekommt.

In einer aktuellen Studie untersuchen Sie, wie wissenschaftlich fundierte Sachverhalte glaubwürdig, nachhaltig und zielgruppengerecht kommuniziert werden k?nnen. Welche Impulse k?nnen Sie für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation geben?

Da gibt es eine Reihe von Ma?nahmen. Zun?chst mal sollte die Wissenschaft neben ?Outreach“, also der Kommunikation in die Gesellschaft, auch ?Inreach“ betreiben: Sie sollte in die Wissenschaft hinein kommunizieren, um dort die Bereitschaft und die Kompetenzen zu schaffen, mit der ?ffentlichkeit zu sprechen. Das ist in den letzten Jahren besser geworden, aber da gibt es noch Luft nach oben – sowohl bei der Zahl der Wissenschaftler als auch bei ihren F?higkeiten. Man sollte darüber nachdenken, den Erwerb dieser F?higkeiten in die wissenschaftliche Ausbildung zu integrieren. Eine der wichtigsten Fragen bei der Kommunikation lautet: Bei welcher Zielgruppe m?chte ich eigentlich was erreichen? Diese simple Frage wird erstaunlicherweise oft nicht gestellt. H?ufig wird versucht, ?den Bürgern“ pauschal Dinge zu erkl?ren und Wissen zu vermitteln. Und das klappt dann oft nicht.?

Wie sieht es mit Ma?nahmen au?erhalb der Wissenschaft aus?

Wir brauchen neben Wissenschaftlern auch kompetente und kritische Vermittler. Das sind in starkem Ma?e Wissenschaftsjournalisten. Angesichts der Krise der Medien und insbesondere des Wissenschaftsjournalismus muss man dafür sorgen, dass dieser nachhaltig funktionieren kann – ?konomisch stabil und unabh?ngig von der Wissenschaft. Bei den neuen Medien wie YouTube, Facebook oder TikTok ist die Frage: Sind dort genug Vermittler von Wissenschaft unterwegs, mit denen wir zufrieden sind, und wenn nicht, wie l?sst sich das ?ndern?

Nicht zuletzt müssen wir die Rolle von Tech-Plattformen allgemein hinterfragen. Ein gro?er Teil gesellschaftlicher Kommunikation wird heute über Plattformen wie Google und Facebook vermittelt. Von der algorithmischen Kuratierung der Inhalte h?ngt ab, welche Informationen die Bürger erreichen. Dabei steht inhaltliche Qualit?t nicht im Mittelpunkt, sondern Aufmerksamkeitsmaximierung. Das führt zu einem Zielkonflikt – wenn das Ziel ist, informierte Bürger zu haben, die kompetent zu wissenschaftsbezogenen Themen Entscheidungen treffen k?nnen. Man muss Tech-Plattformen also durch Anreize oder Regulierung dazu bringen, ihre Empfehlungsalgorithmen so zu ?ndern, dass sie diese Funktion besser erfüllen. Die Gefahr ist sonst, dass eine Gruppe der Bev?lkerung wissenschaftliche Inhalte überhaupt nicht mehr vorgeschlagen bekommt. Dann geraten wir gewisserma?en in eine Zwei-Klassen-Wissensgesellschaft – und da sollten wir nicht hinkommen.

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