Digital trifft sozial

Immer mehr soziale Initiativen und gemeinnützige Organisationen nutzen die Digitalisierung – um ihren Aktionsradius zu vergr??ern, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, um Teilhabe und Inklusion zu erm?glichen. Wir stellen drei Beispiele vor, die in unserer Initiative ?DigitalDabei!“ gef?rdert werden und deutlich machen: Digital und sozial passen sehr gut zusammen.

Katrin Stahl | M?rz 2020
Henning Schacht

Kinoprogramm für ?ltere und Menschen mit Demenz verbreiten

Sabine Distler ist Leiterin des Kulturnetzwerks Silberfilm, einem Projekt der gemeinnützigen Gesellschaft ?Curatorium Altern gestalten“. Zusammen mit ihrem Team organisiert sie eine Kinoprogrammreihe für Leute im hohen Alter und Menschen mit Demenz. ?Wir kuratieren die Filme nach wissenschaftlichen Kriterien“, sagt Distler. Hei?t: keine Gewaltszenen, lineare Handlungsstr?nge, ein Happy End. Die Projektleiterin will den betagten Besuchern eine st?rkere Kultur- und Medienteilhabe und eine Inklusion im Alltag erm?glichen.?

Die Filmvorführungen, die an mittlerweile sechs Standorten in Bayern stattfinden, seien gut besucht. Jetzt will Silberfilm sein Konzept in Deutschland verbreiten und arbeitet an einem Netzwerk aus Partnern und F?rderern. ?Es gibt überall viele tolle lokale Projekte, die aber gerade noch getrennt voneinander arbeiten. Solche Doppelstrukturen müssen nicht sein“, sagt Distler, ?soziale Innovationen k?nnen wir nur mithilfe von Digitalisierung weitertragen.“ Auf einer digitalen Plattform soll daher mit Workshop-Material, Pr?sentationen, Bildern und Videos das gesammelte Projektwissen gespeichert und für andere verfügbar gemacht werden. ?Wir wollen skalieren – und das geht nur durch Digitalisieren“, sagt Distler. Sie ist überzeugt: ?Je mehr Standorte es gibt, desto st?rker wird auch das Bewusstsein bei der Filmindustrie, dass hier ein gro?er Bedarf existiert.“

Silberfilm

Silberfilm organisiert eine Kinoprogrammreihe für Leute im hohen Alter und Menschen mit Demenz.

Menschen mit Behinderung prüfen die Barrierefreiheit des Internets

Um Teilhabe geht es auch Benjamin Koepsell von der Stiftung Bethel. Er ist Leiter des Projekts ?Barrierefreies Internet“ und wei?: Nicht für jeden ist das problemlose Surfen eine Selbstverst?ndlichkeit. Lange S?tze, komplex strukturierte Webseiten, eine schwer verst?ndliche Bedienung. Besonders davon betroffen: Menschen mit Beeintr?chtigungen. ?Für jemanden mit einer Sehbehinderung muss eine Software den Text vorlesen. Menschen, die nicht gut lesen k?nnen, brauchen eine Version in einfacher Sprache“, so Koepsell, der in Bielefeld auch im sogenannten PIKLS-Labor, einem inklusiven Internetcafé, arbeitet. Gesetzesbeschlüsse für einen barrierefreien Webzugang gebe es, dennoch: ?Bisher wurde da fast gar nichts umgesetzt.“ Jetzt soll Bewegung in die Sache kommen. In dem Projekt prüfen Menschen mit Behinderung Internetseiten auf Barrierefreiheit und erhalten damit eine neue Besch?ftigungsm?glichkeit. Wo ist das Impressum? Was bedeuten die drei Striche im Menüfeld? Kann ich die Webseite auch über die Tastatur bedienen? Mitarbeiter erg?nzen die Tests mit einer technischen Prüfung der Seite und des Quellcodes.?

? Inklusiv hei?t: Jedes Angebot muss für jeden nutzbar sein.

Um das Verfahren zu standardisieren und die Menschen mit Behinderung beim Usability-Test zu unterstützen, arbeiten Koepsell und sein Team an einem Fragenkatalog. Die Auswertungen wollen sie an Webagenturen weitergeben. Die Ergebnisse sollen diesen dabei helfen, neue Internetseiten barrierefrei und nach bestimmten Standards zu konzipieren. ?Eine inklusive Gesellschaft hei?t: Jedes Angebot muss für jeden nutzbar sein“, sagt Koepsell, ?deshalb müssen auch Menschen mit Beeintr?chtigung von den Vorteilen der digitalen Welt profitieren k?nnen.“

PIKLS-Labor

Das PIKSL-Labor der Stiftung Bethel erm?glicht Menschen mit Beeintr?chtigungen den Zugang zum Internet.

Ein Tool für Jura-Studenten, die Geflüchtete beraten

Eine kostenlose Rechtsberatung für Geflüchtete: Das bieten in rund 40 deutschen St?dten Jura-Studenten der Refugee Law Clinics (RLC) an. ?Wir alle haben das gleiche Ziel“, sagt Katrin von Horn vom Bundesverband, ?aber trotzdem sind die einzelnen Standorte sehr unterschiedlich strukturiert.“ Um sich miteinander zu vernetzen, nutzten die einzelnen RLC-Teams lange Zeit klassische IT-Tools wie Dropbox, Whatsapp oder Confluence. Alles mehr oder weniger professionell. ?Die Aktenverwaltungsprogramme, die in Kanzleien zum Einsatz kommen, waren zu teuer für uns“, sagt von Horn, ?oft waren sie auch gar nicht für unsere Zwecke geeignet.“ Eine L?sung musste her. Ihre Idee: die Akten- und Organisationsverwaltung der RLCs revolutionieren. Im September 2018 ging die digitale Plattform ?Law & Orga“ an den Start. Das System erm?glicht das Erstellen, die Durchsuchung und die Vereinheitlichung von Akten, au?erdem eine Mitglieder- und Dateiverwaltung.?

Geplant sind weitere Koordinierungstools, Kalender und Statistiken. Die Vorsitzende des Dachverbandes ist überzeugt: ?Vor allem jüngere gemeinnützige Organisationen wollen sich digitalisieren.“ Oft fehle im ehrenamtlichen Bereich jedoch die Grundstruktur. ?Wir sind nun einmal kein professionelles Unternehmen, das einfach so umschalten kann.“ Was es brauche? überzeugungskraft und Motivation. Die hat Katrin von Horn, denn: ?Jeder wei? schlie?lich, dass am Ende etwas Besseres dabei herauskommt.“?

Hannah Poqué

Die Mitglieder der einzelnen RLC-Standorte wollen sich st?rker vernetzen.

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